Politisches Gezwitscher – Wie und warum Politiker Twitter nutzen

10.03 2010

Die SPD ging während der Landtagswahl in Hessen mit einem nahezu unbekannten Kandidaten in den Wahlkampf. Doch schaffte es Thorsten Schäfer-Gümbel via Twitter und der zusätzlichen Nutzung von Social Media Kanälen wie dem Videoportal YouTube, in kurzer Zeit als zwitschernder Spitzenpolitiker großes Medieninteresse hervorzurufen und steigerte auf diese Weise seine Popularität erheblich.

Zuvor nutzten eigentlich nur die Grünen Twitter aktiv für parteipolitische Zwecke, vor allem während der Landesdelegiertenkonferenz in Baden-Württemberg im Oktober 2008 für die Bekanntgabe der Bundestags-Listenaufstellung. Durchschlagskraft erhielt Twitter bei der Wahl des Bundespräsidenten 2009. Eine Viertelstunde bevor Bundestagspräsident Norbert Lammert das offizielle Ergebnis verkünden konnte, war es über Twitter bereits bekannt: Horst Köhler war wiedergewählt geworden.

Twitter im politischen Kontext

Andreas Jungherr, politischer Mitarbeiter des politikwissenschaftlichen Instituts der Otto-Friedrich-Universität Bamberg, hat in einer Studie vor allem drei Nutzungsarten von Twitter bei Politikern feststellen können.

  1. als öffentlicher Dialog
  2. als Lifecasting (Echtzeitübertragung des privaten Lebens, wodurch Politiker Wählern bzw. Followern lebensechter und näher erscheinen)
  3. als Mindcasting (Politiker verbreiten relevante Links zu Artikeln, Nachrichten etc. und nutzen damit den Dienst, um eigene Arbeits- und Denkprozesse zu dokumentieren bzw. öffentlich zu machen, sowie um über das Twitter Netzwerk Einfluss – bspw. bei Bürgerentscheidungen – auszuüben)

Natürlich wird Twittern im Detail ganz unterschiedlich verwendet. Denn während manche Politiker Blasen blubbern (bspw. Torsten Schäfer-Gümbel: „"Der Kaffee entfaltet heute morgen keine Wirkung. A 5 schon wieder voll…"“ 1:06 AM Apr 29th. @tsghessen from TwitterBerry) versuchen die meisten über Accounts von Kreis- und Ortsverbänden politische Ansichten und Entscheidungen zu verbreiten. Besonders schwer scheint sich die FDP mit dem Microblogging-Dienst zu tun, da es für die freiheitlich Demokratischen kein Twitter-Schlüsselerlebnis gegeben zu haben scheint.

Funktionen von Twitter

Erstes und vorrangiges Interesse von twitternden Politikern sowie politischen Landes-, Kreis- und Ortsverbänden liegt – wen wundert's – im Aufbau einer großen Gemeinschaft an Followern. Im Fachjargon spricht man hier von Special Interest Communities, also Interessengemeinschaften mit einem auf ein bestimmtes thematisches Gebiet ausgerichteten gemeinsamen Vorlieben.

Daran anknüpfend werden diese Netzwerke aus Interessengemeinschaften genutzt, um Follower für die Unterstützung der eigenen Tätigkeiten zu gewinnen. Das können Demonstrationen sein, Unterschriftenaktionen, das sammeln von Publikum vor öffentlichen Auftritten oder ein Aufruf zur Unterstützung im Wahlkampf. Diese Art der politischen Mobilisation nennt man im Hinblick auf Twitter Crowdsourcing.

Am Rande

Eine gute Übersicht über parteipolitische Tweets gibt es auf der Website parteigefluester.de. Und wer von politischem Gezwitscher nichts hält, der sollte sich zumindest die Fake-Accounts der Politiker näher anschauen, wie der von Angela Merkel.

4 Responses to “Politisches Gezwitscher – Wie und warum Politiker Twitter nutzen”

  1. [...] [Update: 2010/03/13] Online Affairs: Politisches Gezwitscher – Wie und Warum Politiker Twitter Nutzen [...]

  2. [...] politisches Gezwitscher also gelernt sein will und auch Social Networking Sites wie Facebook mehr schlecht als recht mit [...]

  3. [...] inzwischen verschiedene Funktionen. Neben der Gestaltung eines öffentlichen Dialogs nutzen Politiker Twitter unter anderem als Instrument des Lifecastings, also zur Echtzeitübertr…. Doch dient Twitter nicht nur der Kommunikation mit dem „Stimmvieh“, sondern man folgt [...]

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