Spielstraße online Wahlkampf – Teil 2: Die Herausforderer

08.04 2010

In Nordrhein-Westfalen ist Wahlkampf, am 9. Mai wird der neue Landtag bestimmt. Im gestrigen Block haben wir die Social Media Aktivitäten der Titelverteidiger unter die Lupe genommen; der CDU und der FDP. Bei den Regierungsparteien kann festgestellt werden, dass sich der online Wahlkampf größtenteils auf eine ohnehin überzeugte Masse bezieht – obwohl angesichts der geringen Follower der Twitter-Accounts, der niedrigen Anzahl an Fans bei den Facebook Pages der Parteien sowie der mageren Seitenaufrufe der YouTube-Chanels beider Parteien nicht gerade von Massenkommunikation gesprochen werden kann.

Insgesamt wird damit das Konzept weitergeführt, welches schon die online Aktivitäten bei der Bundestagswahl bestimmte: Eine Fortführung der „üblichen“ Strategien, blind für die Möglichkeiten durch Social Media. Kommunikationen, im Sinne aktiver Auseinandersetzungen als Dialog, fanden nicht statt. Der online Wahlkampf beschränkt sich damit auf eine Verbreitung von auf dem Papier entstandenen Botschaften an Wähler, welche zum größten Teil bereits eine eindeutige Parteizugehörigkeit aufweisen und daher nicht von den vertretenen Positionen überzeugt werden müssten. Stellt sich die Frage, ob die Oppositionsparteien die mächtigen Social Media Instrumente ebenso einsetzen oder ob sie mittels sozialer Netzwerke (Facebook), Microblogging (Twitter) und Videobotschaften (YouTube) mehr unentschlossene Wähler an sich binden können.

Die Sozial-Demokraten

Die Landtagswahl 2005 kostete die SPD ihr einstiges Stammland und führte nach Jahrzehnten zu einer Regierungsbeteiligung der CDU. Derzeitige Spitzenkandidatin ohne eigenen Twitter-Account ist Hannelore Kraft, gelernte Bankkauffrau und studierte Wirtschaftswissenschaftlerin aus Mühlheim an der Ruhr. Im bisherigen Kandidatenranking liegt der SPD-NRW Sammelaccount @nrwspd mit 1.445 Followern bei Twitter vor Andreas Pinkwart (FDP, @fdp_nrw, Sammelaccount mit 1.218 Followern, vier mehr als gestern, letzter Tweet: heute) und Jürgen Rüttgers (CDU, @nrw_ruettgers, 197 Follower, einer weniger seit gestern, letzter Tweet: 19. März). Zwar wird bei Hannelore Kraft fast täglich getwittert, manchmal mehrmals, doch auch hier wird sofort klar: Frau Kraft lässt twittern. Alle Botschaften sind in der dritten Person gehalten und größtenteils Aufrufe, Wahlkampfauftritte zu besuchen.

Anders ist das auf Facebook: Hier stammt der letzte Eintrag der Page, die immerhin auf ihren Namen läuft, vom 31. März. 2.345 Fans bekommen die spärlichen Einträge auf Facebook zu Gesicht, aber auch hier handelt es sich um den verlängerten Arm der Papierstrategie: Aufrufe zu Wahlkampfveranstaltungen, online Stellung von gedruckten Flyern und ähnlicher, minder interessanter Meldungen. Ein Ticker auf der Website hätte diesen Zweck auch erfüllt.

Auf dem Videoportal YouTube hat Hannelore Kraft, ebenso wie Rüttgers und Pinkwart, keinen eigenen Chanel. Dafür gibt es einen der SPD NRW. Bei der Zahl der Seitenaufrufe einzelner Videos unterscheidet sich Frau Kraft jedoch von ihren Mitbewerbern: Mit bis zu 6.330 Aufrufen sprengt sie mehrmals die Tausendergrenze. Dafür sind die meisten Videos doppelt vorhanden und Botschaften werden ebenso unpersönlich als one-way-Kommunikation vermittelt wie bei den anderen.

Die Bündnis-Grünen

Die Wahlkämpfer von Bündnis 90/ Die Grünen nutzen Social Media recht clever; das sieht man schon auf der Website der Partei auf Bundesebene. Auf Landesebene heißt die derzeitige Fraktionsvorsitzende Nordrhein-Westfalens Sylvia Löhrmann, ist Gymnasiallehrerin und hat, gar nicht clever, ebenfalls keinen eigenen Twitter-Account. Wie bei den anderen Parteien handelt es sich bei @gruenenrw um einen Sammelaccount auf Landesebene. Obwohl dieser lediglich 1.909 Follower aufweist, wird getwittert wie verrückt. Das heißt: mehrfach am Tag und die Tweets enthalten nicht nur Hinweise darauf, wo die nächste Wahlkampfveranstaltung abgehalten wird oder den Link zu einer eher langweiligen Videobotschaft. Im Gegenteil, hier wird auf Kampagnen hingewiesen, Stellung bezogen, Pressemitteilungen verbreitet und – oh Wunder – reagiert. Die Grünen sind damit bisher die einzige Partei in NRW, die das Konzept des Microbloggingdienstes verstanden haben: KOMMUNIKATION IN DIALOGFORM.

In Facebook zieht sich das fort, wobei Frau Löhrmann jedoch keine Page (also eine Fanseite) hat, sondern ein Profil. Das ist inkonsequent, denn man könnte meinen, als öffentliche Person würde sie ihre Inhalte mit möglichst großer Reichweite verbreiten wollen. In der gewählten Profil-Variante sind jedoch alle Nicht-Facebook-Mitglieder ausgeschlossen (anders verhält sich das, hat man eine Page inkl. Vanity URL, wie bspw. bei Jürgen Rüttgers). Demnach hat Frau Löhrmann keine Fans, sondern (Profil bezogen) Freunde und davon 1.558. Im Vergleich zu den Facebook-Präsenzen der bisher abgehandelten Politiker erscheint diese wesentlich persönlicher. Trotzdem fällt auf, dass auch sie nicht professionell geführt wird: Das Profil wird weder von Aktivitätenlisten bereinigt, noch ist es Freunden möglich, selbst an die Pinnwand zu posten. Immerhin wurde die Kommentar-Funktion für Beiträge nicht auch noch ausgeschaltet. 

Bleibt, noch einen Blick auf die visuelle online Vermarktung der grünen Spitzenkandidatin zu werfen: Für ihre Videos wurde auf YouTube kein eigener Chanel eingerichtet, man findet sie unter dem lustigen Wortspiel GrünTube NRW. Dabei reißt die Zahl der Seitenaufrufe keinen vom Hocker; Frau Löhrmann bleibt mit ihren Videobotschaften deutlich unter der 500er Grenze und hat demnach einen entsprechend geringen Wirkungskreis.

Zweites Zwischenfazit

Die online Wahlkampfaktivitäten der SPD überzeugen genaus so wenig wie die der CDU oder FDB. So wird das nichts mit einer erneuten sozial-demokratischen Eroberung des Rhein-Ruhr-Gebietes. Wird dabei gar ein gemeinsamer Sieg mit der einstigen Öko-Partei angestrebt, wird dieser bestimmt nicht durch den professionellen Einsatz von Social Media erreicht. Denn weder SPD noch Grüne schöpfen die gegebenen Möglichkeiten aus und versuchen Anhänger als auch Instabile (im Sinne von Wechselwähler) in ihren Wahlkampf einzubeziehen. Provokantes wird von den einstigen grünen Querulanten zwar schon lange nicht mehr erwartet, doch könnten mit der ein oder anderen polarisierenden Stellungnahme zumindest öffentliche Diskussionen ausgelöst werden.

Was man bei aller Kritik den Grünen aus Nordrhein-Westfalen jedoch lassen muss: Sie sind auf Landesebene die einzige Partei, die auf Facebook eine ausgebaute Page hat: Bei der SPD finden sich für die Landesebene zwar diverse Gruppen, nur eignen sich diese ebenso wenig wie das Profil der grünen Kandidatin Löhrmann für Offenheit und Reichweite (Statusupdates werden bspw. aus den Pages mit über 5.000 Fans in die Google Real Time Search aufgenommen). Einzig bei den Grünen heißt das Konzept nicht nur: Flyer unter die Leute bringen, sondern auch Kampagnen-Marketing. Dabei unterscheidet sich die NRW-Grünen-Präsenz in Facebook auch technisch, indem Reiter über FBML gestaltet wurden und Tweets in die Page miteinfließen.

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3 Responses to “Spielstraße online Wahlkampf – Teil 2: Die Herausforderer”

  1. Klaus Schüler sagt:

    Wenn man keine Ahnung hat, einfach mal die Finger still halten. Wenn Sie nicht objektiv sein wollen, dann tun Sie doch auch bitte nicht so bei dieser “Analyse”. Sie kennen anscheinend weder den Unterschied zwischen Parteien und Vorsitzenden und deren Organisationsstrukturen, Facebook-Profilen und -Fanseiten noch können Sie einfache Tweets lesen/verstehen. Schauen Sie sich mal ihre eigenen Klick- und Fanzahlen an und urteilen Sie erst dann über andere.

  2. admin sagt:

    Sehr geehrter Herr Schüler,

    die Betrachtung – nicht politik- oder medienwissenschaftliche Analyse – des online Wahlkampfes der Parteien zur Landtagswahl NRW beschränkt sich, wie im 1. Teil erklärt, auf das online Verhalten der jeweiligen Spitzenkandidaten in NRW.

    Das Ergebnis der Bewertung der Profile bzw. Accounts von Politikern hat weder mit einer – wie sie meinen – vorhandenen Parteiidentifikation zu tun, noch erhebt sie den Anspruch, reliabel zu sein (wenn auch Fan- bzw. Follower-Zahlen ganz einfach empirisch überprüft werden können). Sie stellt lediglich eine Auswertung der zur Zeit VORHANDENEN Social Media Aktivitäten dar. Inwieweit man hierbei “die Finger still halten” sollte und warum eigene Klick- und Fanzahlen einem Blogbeitrag zu mehr Glaubwürdigkeit oder Denkschärfe verhelfen, entzieht sich unserer Kenntnis. Man sollte jedoch meinen, dass die Social Media Reichweite, welche ein kleines Unternehmen aus Stuttgart einzunehmen in der Lage ist, mit der einer Partei auf Landesebene oder eines Ministerpräsidenten, nicht vergleichbar wäre bzw. sein sollte. Die besagten Follower- und Klickzahlen sprechen hier für sich. Leider versäumten sie es anzugeben, um welche der bisher besprochenen Parteien es sich bei der ihrigen handelt.

    Wir würden uns freuen, hierüber in einen Dialog mit ihnen zu treten, da sie – nach Maßgabe ihres Kommentars – tief im sozial-medialen Geschehen parteipolitischen Alltags eingebunden scheinen.

    Freundliche Grüße
    Online Affairs

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