Es ist noch gar nicht lange her, etwa drei Monate, da bezeichnete Venezuelas linksnationalistischer Präsident Hugo Chavez Kurznachrichten, die über den Microbloggingdienst Twitter verschickt wurden, als terroristische Bedrohung und Twitter selbst als Werkzeug des Terrors. Prompt wollte er per Internetregulierung die Abschaltung des Dienstes erwirken. Natürlich ist längst klar, dass eine Bewertung des beliebten Kurznachrichtendienstes je nach Gesinnungslage und Auffassungsvermögen variiert und Twitter bzw. deren Begründer Mal für den Friedensnobelpreis vorgeschlagen werden, Mal als Aufwiegler beschimpft.
Als ein ebensolches Bäumchen wechsel dich outet sich nun Petro-Populist Chavez, dessen staatliche Regulierungspolitik tief in die einst recht stabilen venezolanischen Märkte eingreifen. Und auch längst notwendige und noch länger versprochene Investitionen in die soziale und technische Infrastruktur des Landes lassen auf sich warten. Bricht eine Autobahnbrücke, wird eine provisorische Umgehung eingerichtet. Privat will schon lange keiner mehr in Venezuela investieren – liegt die Gefahr der Verstaatlichung realisierter Projekte doch auf der Hand (bspw. wegen mehr „Wohnraum für’s Volk“).
Staatliches Vorgehen
Das löst Unmut aus, der geäußert werden will. Doch nach Strafandrohung für Journalisten und Verleger mit bis zu vier Jahren Haft für Beiträge, welche „öffentliche Panik“ verbreiten oder „die Sicherheit der Nation gefährden“, der staatlichen Übernahme der Lizenz des größten Privatsenders RCTV und der Schließung weiterer 30 privater Rund- und Fernsehsender ist es still geworden in der hiesigen Medienlandschaft. Bis auf die nach kubanischem Vorbild staatlich verordneten sozialistischen Seifenopern, mit denen Chavez das einfache Volk auf Linie bringen will.
Und wer allzu unbequem wird, der verschwindet von der Bildfläche. Erst vor zwei Tagen berichtete die Washington Post von der Verhaftung des ehemaligen Gouverneurs des Bundesstaates Zulia und Präsidentschaftskandidaten, Oswaldo Álvarez Paz. Auf Amnesty International wurde dazu eine „Urgend Action“ eingerichtet, an der man sich für die Freilassung der venezolanischen Regierungskritiker beteiligen kann.
Der sozial-mediale Hugo
Als durchtriebener Populist weiß Chavez jedoch, wann es Zeit ist, sein Fähnchen zu wenden und schließlich hat er auch gelernt, dass man mit Social Media die Massen erreichen kann. Vor allem jedoch sollte dem „Twittergewitter“ begegnet werden, welches die Anti-Chavez Bewegung unter #freevenezuela aufrechterhält. Hierbei spielen die etwa 30 Millionen Handys und weiteren 1.2 Millionen Smartphones eine große Rolle. Mittlerweile ist das Netzwerk „freevenezuela“ eines der zehn beliebtesten Microbloggingnetzwerke weltweit.

Jetzt twittert der Präsident dagegen und immerhin 457.062 Follower wollen die Kurznachrichten unter @chavezcandanga empfangen. Dazu hat er seiner Bevölkerung die Nutzung des Kurznachrichtendienstes ans Herz gelegt, des einstigen Werkzeugs des Terrors. Twitter soll im Kampf gegen Währungsspekulanten helfen, indem diese per Tweet gemeldet werden.
Und einen Blog (inkl. Retro-Besucherzähler!) führt Chavez nun auch. Dieser enthält jedoch – ganz entgegen der Natur des Webblogs – kaum kritische Kommentare; wundert sich jemand? Zudem sind erschreckend positive Berichte über Chinas Internetkontrollmaßnahmen und erfolgreich verlaufene Regierungstreffen enthalten, sowie eine Fidel-Kolumne (der von Chavez ebenfalls gedrängt wurde, Twitter zu nutzen). Dass es sich bei Chavez’ neuem Internetauftritt um einen Blog und nicht um eine ganz „normale“ politische Propaganda-Webseite handelt, ist dabei nicht ganz leicht festzustellen.



[...] dem Motto: „Wenn du es nicht beherrschen kannst, mach es dir zu eigen“ hat er zudem eine ganz eigene Social Media Offensive [...]