Facebook erobert die undemokratische Welt – Soziale Netzwerke in der Tyrannei

27.08 2010

children in MaliIn Schweden – dem Early Adopter der sozialen Netzwerke – hat Facebook ab 2007 die eingefleischten heimischen Netzwerke Lunarstorm und Playahead verdrängt, in Deutschland verzeichnet es einen nicht zu stoppenden Wachstum von derzeit 5,64 Prozent und selbst in undemokratischen Ländern wie der Demokratischen Republik Kongo wachsen die Nutzerzahlen mit mehr als zehnprozentiger Steigerung (15,64 Prozent ).

user growth congo

Facebook in Entwicklungsländern

Nicht nur Hunger und Krankheit sind an der Tagesordnung vieler Entwicklungsländer, auch Defekte in der Staatlichkeit, ausufernde Korruption sowie politisch motivierte Morde bestimmen deren Alltag. Zwar erklären sich die Mitgliedstaaten der African Union (AU), der bis auf Marokko alle afrikanischen Staaten angehören, klar zur Demokratie, zur Demokratieförderung unter gegenseitigen Kontrolle und zur Unterstützung einer guten Regierungsführung (Good Governance), doch in der Praxis kann kaum eine der afrikanischen Nationen die Minimalkriterien demokratischer Systeme erfüllen. Das gilt auch für die defekten Demokratien in Ländern wie Mosambik, Burkina Faso, Burundi oder Niger. Umso erstaunlicher ist, dass es all diese Länder aufgrund ihrer stark wachsenden Nutzerzahlen auf die Rangliste der Entwicklungsländer in Facebook geschafft haben. 

llcd on facebook

In der Demokratischen Republik Kongo sind trotz Nachkriegswirren, einem sehr niedrigen Entwicklungsstand (Platz 176 von 182 Plätzen des Human Development Index ) und einem relativ geringen Anteil von Internetnutzern (365.000 bei einer Gesamtbevölkerung von 70,91 Millionen) immerhin mehr als 60.000 Menschen in Facebook angemeldet. Platz zwei der Rangliste belegt – wer hätte das gedacht – das kriegsgebeutelte Afghanistan mit knapp 53.000 Facbook Nutzern bei etwa einer Million Webbevölkerung.

HDI worldmap 2009

HDI 2009 Legende

Entwicklung durch Facebook?

Es wird erwartet, dass ein Beitritt zu Facebook vielen Einheimischen erstmals das Tor zur Welt öffnet. Zunächst zeigt sich, dass Facebook respektive der Westen im besten modernisierungstheoretisch, klassischem Sinne als Maßstab für Entwicklung angelegt wird. Darüber hinaus ist offensichtlich, dass diejenigen, die in der Lage sind Facebook zu nutzen, bestimmt nicht Menschen sind, die in von der Welt abgeschiedenen Provinzen leben und sterben. Der größte Teil dieser Facebook Nutzer ist Englisch sprechend und besser gebildet (in Afghanistan sind 70 Prozent der Menschen Analphabeten, unter den Frauen liegt die Analphabetenrate gar bei über 90 Prozent). Auch zeigen Daten über die Geschlechterverteilung der Facebook Nutzer am Beispiel Afghanistans, dass bei einem Frauenanteil von nicht ein Mal 15 Prozent das vorherrschende soziale Gefüge bestätigt wird.

facebaker.com, welche die Rangliste der Entwicklungsländer auf Facebook erstellte, überschlägt sich geradezu wegen der unglaublichen Wachstumsraten von Facebook Nutzern aus Entwicklungsländern. Vor allem die Herausstellung der „fantastischen Ergebnisse“ von Mali und Mosambik vor dem Hintergrund zu nennen, dass dort die meisten Menschen von weniger als einem Dollar am Tag leben müssen, mutet etwas zynisch an. Ebenso zynisch ist es zu sagen, dass trotz westlicher Hilfe viele dieser Staaten sich immer noch in einem Zustand der Verzweiflung befänden … . 

Trotz oder wegen?

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