(woj) Ich wage einfach mal den mutigen Schritt, trete aus den Reihen meiner zeitgenössischen Softwareentwickler und sage die unbequeme Wahrheit frei heraus: Diese ganze Schose mit den Computern – kein einfaches Thema.
Die Arbeit mit einem Computer ist kompliziert, abstrakt und fremdartig. Die Behauptung, sie könne intuitiv und leicht verständlich sein, ist schlichtweg eine Lüge, ein Werbeslogan. Und damit möchte ich beileibe nicht jammern oder mich beschweren: Ich liebe Computer! Aber ich liebe sie nicht, weil sie sich vermeintlich unmerklich in mein Leben integrieren und auf mysteriöse Weise bereichern. Ich liebe sie nicht, weil sie mir zuverlässig jeden Wunsch von den Lippen ablesen, mich innig verstehen und mir alle lästigen Aufgaben abnehmen, damit ich mehr Zeit habe, mich an ihrem gebürsteten Aluminiumgehäuse zu erfreuen.
Nein, ich liebe sie, weil sie mich intellektuell fordern, mich zwingen, Zusammenhänge mittels verschiedener Denkweisen zu beleuchten und mich immer wieder aus dem gedanklichen Leerlauf holen. Nicht, weil sie einfach sind. Denn das sind sie nicht.
Simplifizierung, legte mir ein Kollege jüngst nahe, sei der letzte Schrei in der Softwareentwicklung und würde zum Wohl und Heil aller sein. Ich musste schmunzeln, denn der Duden entlarvt den Begriff als „übermäßige Vereinfachung“, was ja nichts Gutes ist. Und hier liegt auch der Hund begraben: Jedwede weitere Vereinfachung der IT ist zu viel des Guten. Sie führt nur zur weiteren Entfremdung von der Maschine, nicht zur Versöhnung. Ein Beispiel: Wenn ich meiner Mama erkläre, dass das Icon vor ihr auf dem Bildschirm ihren Brief an ihre Schwester darstellt, meine ich natürlich, dass es lediglich die grafische Repräsentation einer gedanklichen Verknüpfung mit einem Haufen von binären Zuständen ist, deren Reihenfolge, wenn man sie auf eine ganz bestimmte Weise liest, den Brieftext kodiert. Plus das ganze Metagedöhns, das ein Word-Dokument eben ausmacht.
Natürlich weiß ich das.
Aber ich sage ihr: „Das ist dein Brief, und da musst du doppelklicken, damit er aufgeht“, als ob das logisch sei und aus den Naturgesetzen hervorgehe.
Wenn sie sich dann ans Draggen des Icons macht und es über einer ungültigen Position droppt, fühlt sie sich doof. Dabei sollte ich mich doof fühlen. Denn ich habe ihr ein Märchen erzählt, eine Parabel ohne einen Hinweis auf ihre stellvertretende Natur, sprich, ich habe den Sachverhalt zu weit vereinfacht und von meiner Mama verlangt, dass sie den simplifizierten Computer ebenso einfach findet wie ich, der sich millionenfach besser mit ihm auskennt. Irgendwie herablassend, oder?
Damit Mensch und Maschine im Office eine friedliche, produktive Symbiose eingehen können, sind auf der Seite des Rechners unbegreifliche Mengen an Rechenoperationen nötig und auf der Seite des Benutzers beachtliche Abstraktionsleistungen. Das wird sich nicht ändern, gleich wie oft das Wort „einfach“ auf der Verpackung steht.
Ich möchte nun beim Thema Computer keine elitäre Haltung empfehlen à la „Wer’s nicht begreift, soll die Finger davon lassen“, jedoch die Bitte in den Äther werfen, davon abzulassen, Ammenmärchen über das Kinderspiel mit dem Computer zu erzählen. Niemand wird versierter im Umgang mit dem digitalen Rechenschieber, wenn man ihm seine Komplexität verschleiert. Man bleibt nur mit einem Gefühl der Doofheit zurück, weil einem die magischen Spielregeln einer mysteriösen Wunderkiste unergründlich sind, obwohl überall steht, sie sei simpel.


